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Mittelmeerwinde für Segler: Meltemi, Bora, Mistral und Scirocco

Meltemi, Bora, Mistral und Scirocco: woher die vier großen Mittelmeerwinde kommen, woran du sie erkennst und was sie für deine Charterwoche bedeuten.

Im Mittelmeer haben die wichtigsten Winde eigene Namen, und das hat einen praktischen Grund: Sie kehren an denselben Stellen immer wieder auf dieselbe Art zurück. Wenn du weißt, welcher Wind in deinem Revier tonangebend ist, liest du jede Vorhersage anders. Aus „Nordost, zunehmend“ wird dann eine Erwartung, die du in deine Etappenplanung einbauen kannst. Dieser Überblick stellt die vier bekanntesten vor: woher sie kommen, woran du sie erkennst und was sie für eine Charterwoche bedeuten.

Warum benannte Winde für deine Planung wichtig sind

Ein Name ist mehr als Folklore. Er beschreibt ein Wettermuster, das sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederholt: dieselbe Richtung, dieselbe Entstehung, dieselbe Art, wie der Wind im Tagesverlauf zu- und abnimmt, und dieselben Stellen, an denen er beschleunigt.

Das macht ihn planbar. Du weißt, welche Kurse mühsam werden, welche Buchten ungeschützt sind und ob der Wind eher nachts einschläft oder durchweht. Genau diese Vorhersagbarkeit fehlt dir, wenn du nur auf eine Zahl auf dem Display schaust.

Meltemi: der Sommerwind der Ägäis

Der Meltemi ist der prägende Wind der griechischen Ägäis im Sommerhalbjahr. Er weht aus nördlicher bis nordöstlicher Richtung und entsteht aus dem Druckgefälle zwischen hohem Luftdruck über dem Balkan und tiefem Druck über Kleinasien. Je stärker dieser Gegensatz, desto kräftiger der Wind.

Typisch ist sein Tagesgang: Er legt im Laufe des Vormittags zu, erreicht am Nachmittag sein Maximum und lässt abends oft nach. Hält das Druckmuster an, kann er aber auch mehrere Tage am Stück durchwehen, Nacht eingeschlossen.

Die Tücke liegt in der Geografie. Zwischen zwei Inseln, in Kanälen und an Landspitzen wird der Wind eingeschnürt und beschleunigt deutlich. Im Lee hoher Inseln ist es umgekehrt: erst Flaute, dann kräftige Fallböen aus wechselnder Richtung, wenn die Luft über den Bergrücken abstürzt.

Woran du den Meltemi erkennst

Der Meltemi kommt ohne Schlechtwetter. Der Himmel bleibt meist klar und die Sicht ist gut, es gibt also keine Wolkenwarnung wie bei einer Front. Achte stattdessen auf die Wasseroberfläche: dichte Schaumkronen, ein kurzer, steiler Seegang und eine sichtbare Windkante, wo der beschleunigte Strom aus dem Kanal auf ruhigeres Wasser trifft.

An Land zeigen Fahnen, Wäscheleinen und die Gischt an den Kaps früh, wie es draußen aussieht. Im Hafen lohnt ein Blick auf die Yachten, die von draußen einlaufen, und auf die Reihenfolge, in der Crews sich für den Tag entscheiden.

Bora: kalte Fallböen an der Adria

Die Bora ist ein Fallwind. Kalte Luft staut sich hinter dem Küstengebirge, stürzt über die Kämme ab und erreicht die Adria aus nordöstlicher Richtung, besonders heftig im Kvarner und entlang der schmalen Kanäle unter dem Velebit. Sie tritt vor allem im Winterhalbjahr auf, ist aber auch im Sommer möglich.

Ihr Kennzeichen ist der böige Charakter. Die Bora weht nicht gleichmäßig, sondern in Schüben, und zwischen den Schüben kann es deutlich ruhiger sein. Genau das macht sie gefährlich: Der Durchschnittswert in der Vorhersage sagt wenig über die Spitzen aus, die tatsächlich am Rigg ankommen.

Sie ist außerdem küstennah am stärksten und nimmt mit zunehmendem Abstand von der Küste ab. Wer Schutz sucht, findet ihn deshalb oft weniger unter Land als weiter draußen, was der Intuition widerspricht.

Woran du die Bora erkennst

Das bekannteste Vorzeichen ist die Wolkenkappe auf dem Gebirgskamm, die dort scheinbar stillsteht, während darunter die Luft klar bleibt. Dazu kommen eine ungewöhnlich gute Fernsicht, trockene, kalte Luft und ein Druckanstieg im Nordosten.

Auf dem Wasser siehst du die Böen, bevor du sie spürst: dunkle Flecken, die in Streifen über die Oberfläche wandern, und aufgerissene Wellenkämme, deren Gischt flach über das Wasser getrieben wird. In den Kanälen unter dem Gebirge setzt sie oft schlagartig ein.

Unterschieden wird eine helle Bora bei klarem Himmel von einer dunklen Bora, die mit Bewölkung und Niederschlag einhergeht und meist mit einem Tief über dem Mittelmeer zusammenhängt.

Mistral: der Nordwest im Golfe du Lion

Der Mistral entsteht, wenn kalte Luft von Norden her nach Süden strömt und sich durch das Rhônetal zwischen dem Zentralmassiv und den Alpen zwängt. In dieser Düse beschleunigt sie und tritt im Golfe du Lion aus nordwestlicher Richtung aufs Meer hinaus.

Sein Einflussgebiet reicht weit: Der Mistral drückt nach Süden bis zu den Balearen, nach Korsika und Sardinien und macht sich besonders in der Straße von Bonifacio bemerkbar. Er tritt häufig nach dem Durchzug einer Kaltfront auf, also genau dann, wenn das Wetter sich beruhigt und der Himmel aufreißt.

Für die Wellenbildung ist er unangenehm, weil er über eine weite freie Strecke aufs offene Meer wirkt. Der Seegang baut sich deshalb schnell auf und hält länger an als der Wind selbst.

Woran du den Mistral erkennst

Das aufklarende Blau nach einer Front ist das erste Signal. Dazu kommen ein rasch steigender Luftdruck, trockene, klare Luft und im Landesinneren oft lang gestreckte Wolkenbänder, die über den Bergen liegen bleiben.

Ein weiterer Hinweis ist die Richtung: Wenn die Vorhersage nach einer Störung auf Nordwest dreht und dabei zulegt statt nachzulassen, ist das Muster eindeutig. Der Mistral hält oft mehrere Tage an, weshalb es selten reicht, ihn einen Tag lang abzuwarten.

Scirocco: warm, feucht und diesig aus Süd

Der Scirocco kommt aus südlicher bis südöstlicher Richtung und führt warme Luft aus Nordafrika heran. Über dem Meer nimmt sie Feuchtigkeit auf, deshalb fühlt sich der Scirocco schwül an, während der Mistral trocken bleibt.

Er tritt meist an der Vorderseite eines Tiefs auf, das nach Osten zieht, und geht deshalb häufig einem Wetterumschwung voraus. Anders als die Bora setzt er selten schlagartig ein: Er nimmt über Stunden zu, hält dafür gleichmäßiger durch.

In der Adria ist er wegen der langen Anströmstrecke von Südost besonders wirksam. Der Seegang läuft dann die gesamte Längsachse entlang und baut sich zu einer langen, hohen Welle auf, die auch Häfen mit Öffnung nach Süden unruhig werden lässt.

Woran du den Scirocco erkennst

Am auffälligsten ist die Sicht. Der Scirocco bringt Staub aus der Sahara mit, die Luft wird milchig-gelblich, der Horizont verschwimmt und auf Deck setzt sich feiner Sand ab. Nach einem Schauer bleiben rötliche Ränder auf dem Gelcoat zurück.

Dazu kommen hohe Schleierwolken, die aufziehen und dichter werden, ein fallender Luftdruck und eine drückende, feuchte Wärme. Wenn sich diese drei Beobachtungen ergänzen, lohnt ein genauer Blick auf die weitere Entwicklung, denn hinter dem Scirocco folgt oft ein Frontdurchgang.

Wie diese Winde in Vorhersagen auftauchen

Die Namen findest du vor allem in Seewetterberichten und in regionalen Vorhersagen der nationalen Wetterdienste. Dort steht der Name oft direkt neben Richtung und Stärke, manchmal ergänzt um einen Hinweis auf Böen in den Kanälen oder unter Land.

In reinen Modelldaten tauchen die Namen dagegen nicht auf. Dort siehst du nur Richtung, Stärke und Böen als Zahlen. Die Zuordnung musst du selbst leisten: Nordost im Kvarner bei klarer, kalter Luft ist eine Bora, auch wenn nirgends Bora steht. Das ist einer der Gründe, mehrere Quellen zu vergleichen, statt sich auf ein einziges Windbild zu verlassen.

Wichtig ist außerdem, dass Modelle die Beschleunigung an Kaps und in engen Kanälen nur begrenzt auflösen. Vor Ort liegen die Spitzen regelmäßig über dem, was die Fläche zeigt.

Was das für eine Charterwoche bedeutet

Plane die Woche so, dass der vorherrschende Wind für dich arbeitet und nicht gegen dich. Wenn du weißt, aus welcher Richtung es in deinem Revier üblicherweise weht, lege die längere Strecke auf den Hinweg mit dem Wind und die kürzeren Etappen auf den Rückweg oder umgekehrt, je nachdem, wo deine Basis liegt.

Bei Winden mit ausgeprägtem Tagesgang lohnt der frühe Start. Wer am Vormittag ankommt, segelt in ruhigerem Wasser und hat außerdem die bessere Auswahl im Hafen oder in der Bucht.

Baue Reservezeit ein. Ein kräftiger Wind hält selten nur einen Tag an, und ein fest verplanter Rückweg am letzten Tag ist die häufigste Ursache dafür, dass Crews bei Bedingungen losfahren, die sie sonst nicht gewählt hätten. Ein Puffertag vor der Rückgabe nimmt diesen Druck heraus.

Und denke bei der Buchtwahl an die Richtung, nicht nur an die Optik. Eine Bucht, die bei Nordwind traumhaft liegt, wird bei Süd zur Schaukel. Ein zweiter, geschützter Liegeplatz in Reichweite gehört deshalb in jede Tagesplanung.

Passend dazu: unsere Ratgeber zu Gewitter auf dem Wasser und zu Beaufort-Skala und Seegang. Die Grundlagen stehen unter Wettervorhersage verstehen.

Häufige Fragen

Wann weht der Meltemi am stärksten?

Er ist ein Sommerphänomen der Ägäis und folgt meist einem Tagesgang: zunehmend am Vormittag, am kräftigsten am Nachmittag, nachlassend am Abend. Bei anhaltendem Druckmuster kann er allerdings auch über mehrere Tage durchwehen.

Warum ist die Bora so gefährlich, obwohl der Durchschnittswert moderat aussieht?

Weil sie in Schüben weht. Zwischen ruhigen Phasen liegen deutlich kräftigere Böen, und der gemittelte Vorhersagewert bildet diese Spitzen nicht ab. Ihre Wirkung ist zudem küstennah am größten.

Woran unterscheide ich Mistral und Scirocco auf den ersten Blick?

An Luft und Sicht. Der Mistral bringt klare, trockene Luft aus Nordwest bei steigendem Druck, der Scirocco schwüle, diesige Luft aus Süd bei fallendem Druck, oft mit Saharastaub.

Stehen diese Namen auch in meiner Wettervorhersage?

In Seewetterberichten und regionalen Diensten häufig, in reinen Modelldaten nicht. Dort siehst du nur Richtung, Stärke und Böen und musst das Muster selbst zuordnen.

Wie plane ich eine Charterwoche in einem Revier mit kräftigem Sommerwind?

Lege die Etappen so, dass der vorherrschende Wind dir nützt, starte früh, halte Alternativhäfen bereit und plane mindestens einen Reservetag vor der Rückgabe ein.

Reicht es, einen Starkwindtag einfach abzuwarten?

Nicht immer. Mehrere dieser Winde halten typischerweise über mehrere Tage an. Plane deshalb lieber mit Ausweichzielen als mit der Hoffnung, dass es morgen vorbei ist.

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